Wer schon mal alleine versucht hat, ein Wohnmobil auf einem leicht abschüssigen Stellplatz gerade hinzustellen, kennt das Spiel: Ein Stück vorfahren, Motor aus, nach hinten laufen, auf die Libelle am Kühlschrank schauen, zurück zum Fahrersitz, wieder ein Stück vor, Keil anders legen. Und beim dritten Durchgang steht das Ding immer noch schief. Genau für diesen Moment gibt es jetzt Camper Level, eine App aus dem Hause myn.to, die eigentlich nur eine Sache macht, diese eine Sache aber ziemlich clever.
Handy auf den Tisch, Lautsprecher an, losfahren
Die Idee ist so simpel, dass man sich fragt, warum das nicht längst Standard ist. Das Smartphone wird flach auf den Tisch im Wohnmobil gelegt, am besten mit einer kleinen Klemme fixiert, damit es beim Rangieren nicht wandert. Dann tippt man auf das Lautsprecher-Symbol und setzt sich wieder ans Steuer. Ab jetzt sagt die App alle paar Sekunden an, wie das Fahrzeug steht. „2 Grad rechts, 3 Grad vorne“ zum Beispiel. Man fährt ein Stück, hört die nächste Ansage, korrigiert, legt einen Keil, fährt drauf. Sobald alles im grünen Bereich ist, meldet Camper Level schlicht „Waagerecht“. Fertig. Keine zweite Person, die draußen wild gestikuliert, kein Aussteigen, kein Rätselraten.
Ehrlich gesagt waren wir beim ersten Ausprobieren skeptisch, ob die Ansagen im Motorlärm überhaupt zu verstehen sind. Sind sie. Die App beschränkt sich bewusst auf vier Wörter: links, rechts, vorne, hinten. Mehr braucht es nicht, und genau diese Reduktion macht die Sache im Alltag so brauchbar.
Keine Kalibrierung, kein Zubehör, kein Abo
Ein Punkt, der uns positiv aufgefallen ist: Man muss nichts nullen. Viele Wasserwaagen-Apps wollen erst tariert werden, weil der Tisch im Fahrzeug selten exakt parallel zum Boden steht. Camper Level misst stattdessen die echte Lotrechte über den Lagesensor des Handys. Einmal in den Einstellungen festlegen, in welche Richtung die Kamera zeigt, das war es. Ob das Handy nun quer oder längs liegt, ist der App egal.
Auch sonst bleibt alles angenehm unkompliziert. Es gibt keinen Bluetooth-Sensor, den man irgendwo im Fahrzeug verschrauben müsste, kein Konto, keine Registrierung und auch kein Abo-Modell, das nach 14 Tagen zuschlägt. Die App ist kostenlos, braucht keine einzige Berechtigung außer dem Lagesensor und funktioniert komplett offline. Auf dem abgelegenen Stellplatz ohne Netz ist das kein unwichtiges Detail.
Was man auf dem Display sieht
Wer lieber hinschaut statt hinhört, bekommt eine klassische Dosenlibelle auf schwarzem Grund. Grüne Ringe markieren jedes Grad Neigung, eine grüne Kugel rollt zur tieferen Seite. Darunter stehen die Werte für die seitliche Neigung und die Neigung in Fahrtrichtung mit einer Nachkommastelle. Steht das Fahrzeug innerhalb der Toleranz, leuchtet die Kugel hell auf. Das Display bleibt dabei die ganze Zeit an, das Handy geht also nicht mitten im Rangieren in den Ruhemodus.
In den Einstellungen lässt sich das Ansage-Intervall zwischen 2 und 30 Sekunden wählen, dazu die Toleranz für „eben“ (etwa 0,5 Grad) und die Skala von 3 bis 15 Grad. Wer sich lieber die höhere statt die tiefere Seite ansagen lässt, kann auch das umstellen. Mehr Optionen gibt es nicht, und das ist gut so.
Warum das Ganze überhaupt wichtig ist
Man könnte einwenden, dass ein paar Grad Schieflage ja nicht weiter schlimm sind. Der Absorber-Kühlschrank sieht das anders, der kühlt nämlich nur in ebener Lage vernünftig. Die Dusche läuft nur ab, wenn das Fahrzeug gerade steht. Und wer schon einmal eine Nacht mit dem Kopf leicht nach unten geschlafen hat, weiß, wie sich das am nächsten Morgen anfühlt. Ein Nivelliersystem für mehrere hundert Euro ist für die meisten trotzdem übertrieben. Camper Level setzt sich genau in diese Lücke.
Für wen sich die App lohnt
Am meisten profitieren Alleinreisende mit Wohnmobil oder Kastenwagen, denen schlicht die zweite Person zum Einweisen fehlt. Aber auch beim Aufstellen eines Wohnwagens mit Rangierhilfe, bei Dachzelt-Campern oder Pickup-Aufbauten funktioniert das Prinzip, solange es eine feste, ebene Fläche im Fahrzeug gibt. Vermieter dürften sich freuen, dass die Erklärung an Kunden in einem Satz erledigt ist: Lautsprecher drücken, losfahren.
Camper Level gibt es für iPhone und Android, jeweils auf Deutsch und Englisch. Die Sprachausgabe nutzt die Stimmen des Betriebssystems, eine Offline-Stimme sollte also auf dem Gerät installiert sein, was bei praktisch allen aktuellen Smartphones der Fall ist.
Fazit
Camper Level erfindet die Wasserwaage nicht neu, sie macht sie nur endlich hörbar. Wer regelmäßig alleine rangiert, wird die App nach dem zweiten Stellplatz nicht mehr missen wollen. Und wer bislang mit dem Beifahrer diskutiert hat, ob „ein bisschen weiter vor“ nun zehn Zentimeter oder einen Meter meint, hat mit „2 Grad vorne“ endlich eine Ansage, mit der man arbeiten kann.
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