Es ist ein ziemlich guter Herbst für alle, die gern in alle Richtungen gleichzeitig fotografieren. Insta360 hat Mitte August die X6 vorgestellt, das neue Flaggschiff der X-Serie mit zwei quadratischen 1/1,1-Zoll-Sensoren, 8K-Video mit 50 Bildern pro Sekunde und einem Akku, der laut Hersteller gut zwei Stunden durchhält. Ab knapp 700 US-Dollar ist sie zu haben. DJI kontert diese Woche auf der IFA in Berlin mit der Osmo 360 II, die nach eigenen Angaben 8K mit 60 Bildern pro Sekunde aufnimmt, 120-Megapixel-Panoramen schießt und 105 Gigabyte Speicher gleich eingebaut hat. Verkaufsstart ist der 15. September, in Europa ab 589 Euro. GoPro hat mit der Max 2 seit vergangenem Herbst ebenfalls eine echte 8K-Kamera im Programm, und wer lieber Fotos als Videos macht, greift nach wie vor gern zur Ricoh Theta X mit ihren 60-Megapixel-Standbildern oder zur Theta Z1 mit den großen 1-Zoll-Sensoren. Dazu kommt die Kandao QooCam 3 Ultra, die mit 96-Megapixel-Fotos und 10-Bit-Video vor allem bei Enthusiasten gut ankommt.
Kurz gesagt: Die Hardware ist so gut wie nie. Eine Aufnahme, und der komplette Raum ist im Kasten, ohne Stitching am Rechner, ohne Nodalpunktadapter, ohne Panoramakopf. Genau deshalb landen diese Kameras inzwischen nicht mehr nur bei Mountainbikern und Reisebloggern, sondern bei Immobilienmaklern, Ferienhausvermietern, Bauleitern und Handwerkern.
Und dann steht man da mit 30 Panoramen
Wer eine dieser Kameras kauft, bekommt eine erstaunlich gute Hersteller-App dazu. Insta360, DJI und GoPro haben in den letzten Jahren enorm in ihre Software investiert. Man kann Videos reframen, den Selfie-Stick unsichtbar machen, KI-Schnitte generieren lassen, Bilder nachschärfen und alles in Sekunden auf Social Media schieben. Was man mit keiner dieser Apps kann: aus mehreren Aufnahmen einen zusammenhängenden, begehbaren Rundgang bauen, bei dem der Betrachter von der Küche ins Wohnzimmer und weiter auf den Balkon klickt.
Das ist kein Versehen, sondern Geschäftsmodell. Die Kamerahersteller sind an Videos interessiert, weil das die Masse der Nutzer will. Virtuelle Rundgänge sind ein Nischenthema, das traditionell Plattformen wie Matterport, Kuula oder Ricoh360 Tours übernommen haben. Und die funktionieren fast alle gleich: Man lädt seine Panoramen in eine Cloud hoch, baut die Tour im Browser am Desktop zusammen und zahlt ein monatliches Abo dafür, dass die fertige Tour online bleibt. Kündigt man, ist die Tour weg. Für einen Makler mit 40 Objekten im Jahr mag das aufgehen. Für den Vermieter einer einzelnen Ferienwohnung, den Handwerksbetrieb, der Baustellen dokumentieren will, oder den Fotografen mit gelegentlichen 360°-Aufträgen eher nicht.
Der Rundgang entsteht direkt auf dem Smartphone
Genau in diese Lücke stößt Panovo, eine App aus dem Hause myn.to, die es für iPhone und iPad ebenso gibt wie für Android. Der Ansatz ist so naheliegend, dass man sich wundert, warum ihn bisher niemand konsequent umgesetzt hat: Die Kamera überträgt die Panoramen ohnehin aufs Handy, also wird die Tour auch dort gebaut. Kein Desktop, keine Cloud, kein Abo.
Der Ablauf ist in wenigen Minuten erklärt. Man legt ein Projekt an, importiert die 360°-Fotos aus der Mediathek, gibt jedem Raum einen Namen und verbindet die Stationen über Hotspots. Dafür tippt man einfach ins Panorama an die Stelle, wo die Tür zum nächsten Raum ist, und legt fest, in welche Richtung der Betrachter dort ankommend schaut. Infopunkte mit eigenem Text und externe Links sind ebenfalls möglich. Eine Vorschau mit Gyroskop-Steuerung zeigt sofort, ob sich der Rundgang stimmig anfühlt.
Am Ende erzeugt Panovo ein eigenständiges HTML-Paket, das man als ZIP per Mail, AirDrop oder über die Dateien-App weitergibt und auf beliebigem Webspace entpackt. Die Tour gehört einem selbst, läuft ohne Plattform im Hintergrund und enthält weder Tracking noch fremde Abhängigkeiten. Wer den Export in ein paar Jahren noch aufruft, findet ihn genauso vor wie heute.
Welche Kamera passt dazu?
Alle genannten. Panovo verarbeitet equirektangulare Panoramen im Seitenverhältnis 2:1, und das ist exakt das Format, in dem jede aktuelle One-Shot-Kamera ihre Fotos ablegt, egal ob Insta360, DJI, GoPro, Ricoh oder Kandao. Selbst die fünf Jahre alte Theta aus der Schublade liefert brauchbares Material, denn für einen Rundgang zählt nicht die Bildrate, sondern die Auflösung des Standbilds. Die App prüft beim Import, ob Format und Auflösung passen, und gibt Hinweise, wenn ein Bild zu klein geraten ist.
Ein netter Nebeneffekt: Weil Panovo mit Standbildern arbeitet, spielt es keine Rolle, ob die Kamera 8K-Video kann oder nicht. Wer also ausschließlich Rundgänge erstellen will, kommt auch mit dem günstigeren Vorgängermodell aus. Wer ohnehin die neue X6 oder Osmo 360 II kauft, hat mit der App schlicht einen weiteren Grund, die Kamera öfter mitzunehmen.
Preis und Verfügbarkeit
Panovo gibt es im App Store für iPhone und iPad ab iOS 18 und bei Google Play für Android ab Version 8. Im App Store kostet die App einmalig 4,99 Euro, ohne In-App-Käufe und ohne Abo. Alles läuft offline auf dem Gerät, ein Konto braucht es nicht. Wie ein fertiger Rundgang aussieht, zeigt eine komplett mit der App erstellte Musterwohnung auf panovo.myn.to. Eine ausführliche Vorstellung der App findet sich in unserem Apps-Bereich.
Bleibt die Frage, ob die Kamerahersteller irgendwann nachziehen. Bis dahin gilt: Die Kameras werden immer besser darin, den Raum einzufangen. Was man daraus macht, entscheidet sich weiterhin in einer anderen App.
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